Szenische Emotionszentrierte Stimmtherapie

Neben Mimik, Gestik, Körperhaltung und situativen Verhalten, übermittelt auch die Stimme Botschaften von und über uns. Sie verrät viel über unsere Emotionen, unsere eigene Meinung (Aufforderung oder Ablehnung) oder unseren Zustand. Auf bestimmte Situationen reagieren wir also sowohl körperlich, geistig, seelisch und als auch stimmlich individuell mit Anspannung oder Entspannung. Bei der Behandlung funktioneller Stimmstörungen arbeiten wir zwar an einer verbesserten Atemtechnik, Artikulation, an der Optimierung/Regulierung muskulärer Spannungen sowie an einer verstärkten Resonanz, aber die Stimme ist auch ein Mittel zur Mitteilung von inneren Haltungen und Bedürfnissen. Die Szenische Emotionszentrierte Stimmtherapie (SEST) möchte sich deshalb der emotionalen und szenischen Seite der Stimme zuwenden. Die SEST möchte dabei fünf therapeutische Ziele erreichen:

 

1. Erfassung szenisch-emotionaler Stimmqualitäten innerhalb der Befunderhebung: Über unterschiedliche Aufgabenstellungen (Begrüßungssituation, freie Darstellung der Stimmproblematik, Stimmprüfung, lautes Vorlesen, anschließende Nacherzählung des Textes) werden emotional-situativ bedingte Klangveränderungen der Sprechstimme erfasst. Außerdem zeigen sich hier auch grundlegende Reaktionstendenzen einer Person, ihr Temperament und ihre emotionalen und kognitiven Stile, mit denen sie auf unterschiedliche situative Anforderungen reagiert. Sie äußern sich als Über-, Unter- oder Entspannungsphänomene im leiblichen (auch stimmlichen) Ausdruck.

 

2. Spannungsoptimierung und Weitung der Sprechstimme durch das spielerische Aufweichen oder Aufbauen muskulärer Spannungen: Durch „szenisches Üben“ experimentiert der Patient mit unterschiedlichen emotionalen Haltungen, um zu einer spannungsoptimierten Sprechstimme zu gelangen. In der Diskrimination zu spannungsungünstigen Varianten der eigenen Sprechstimme, wird die Fähigkeit zur Wahrnehmung (Klangqualität und Ausdruckswirkung) und Verwendung der spannungsoptimierten Sprechstimme gefördert.

 

3. Akupädie und Aktivierung von affekt-, d.h. Emotionsbezogenen Monitoringprozessen in Stimmexperimenten und improvisierten Rollenspielen mit dem Ziel einer Ausdifferenzierung der stimmlichen und affektbezogenen Selbstwahrnehmung und Selbstregulierung: Rollenspiele mit unterschiedlichen emotional-situativen Anforderungen werden durchgeführt, aufgezeichnet und nach stimmlichen wie emotionalen Gesichtspunkten analysiert. Hierdurch soll der Patient sich den Hintergründen seines emotional-situativen Ausdrucksverhaltens widmen. Zentrale Fragen sind hierbei: Wann, wie und warum (emotional-situative Ursachen) hat sich die Stimme an dieser Stelle verändert? Welche emotionalen und kognitiven Stile der Situationsbewältigung gibt es ? Wie interagieren die Spieler miteinander? Welche Interessen haben die Spieler und wie setzen sie diese durch? Diese Analyse macht es möglich, später die Stimmspannung in Risikosituationen über eine Veränderung der emotionalen Haltung zu regulieren.

 

4. Regulierung ungünstiger Stimmspannungen über die willentliche Veränderung des emotional-situativen Verhaltens, d.h. Die Veränderung des eigenen Rollenverhaltens zur Optimierung der Sprechspannung: In improvisierten Rollenspielen findet ein Wechsel des Rollenverhaltens und der emotionalen Haltung statt. Auch Hilfestellungen zum Transfer der Stimmregulierung in den Alltag werden gegeben.

 

5. Identifikations- und Motivationsarbeit zur Stimm- und Verhaltensänderung: Voraussetzungen für Prozesse stimmlicher und persönlicher Veränderungen sind ein erlebniszentriertes Vorgehen stimmlich- emotionaler Explorationen im Rollenspiel und die Ananlyse individueller emotionaler und stimmlicher Reaktionstendenzen in situativen Kontexten. Somit ist der Patient in der Lage, ungünstige Stimmspannungen und Risikosituationen zu erkennen. Durch eine Umstellung der persönlichen, emotionalen Reaktionen und der Stimme in Situationen soll eine spannungsoptimierte, klangreiche Stimme erzielt werden.

 

(Quelle: Ralf Zimmer im Forum Logopädie Juli 2012, S. 6-10)

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