Das Berliner orofaziale Screening zur Diagnostik orofazialer Dysfunktionen

Bei einer myofunktionellen Störung (orofaziale Dysfunktionen, die den Mund- und Gesichtsbereich betreffen) handelt es sich um Störungen unterschiedlicher Ursachen (z.B. muskuläres Ungleichgewicht) und Ausprägung. Äußern tun sich diese Störungen in bestimmten Abweichungen des Aussehens, der Haltung, der Atmung, der Zahn- und Kieferstellung, der Beweglichkeit von Zunge, Lippen, Wangen, Kiefer, Hals und Nacken sowie des Kau- und Schluckmusters. Orofaziale Dysfunktionen beeinträchtigen nicht nur die Kau- und Schluckfunktion, sondern gehen oft mit Störungen der Sprechmotorik (Lautbildungsstörungen) und Sprachentwicklung einher. Die Sprechapraxie/verbale Entwicklungsdyspraxie (Störung der Planung von Sprechbewegungen-Artikulationsstörungen) ist eine Sonderform der orofazialen Dysfunktion. Das Berliner orofaziale Screening (BoS) wurde entwickelt, um eine umfassende, standartisierte Untersuchungsmethode zur Diagnose orofazialer Dysfunktionen zur Verfügung zu stellen, die eine einheitliche Dokumentation ermöglicht und den interdisziplinären Austausch erleichtert. Das BoS beinhaltet die Bereiche Anamnese (z.B. Berücksichtigung von Dauer und Persistenz bestimmter Habits wie Zähneknirschen, Schnuller, Daumenlutschen), Inspektion und Funktionsprüfung (Beurteilungen der: Lippenkraft mittels Federwaage, Zungenkraft mit einem Spatel, Beweglichkeit von Zunge und Lippen mit visueller Unterstützung eines Handspiegels oder taktiler Hilfen, Abbeiß-, Kaumuskel- und Schluckfunktion mit Salzstangen und danach mit Wasser, der Zungenbewegung beim Schlucken mithilfe eines mundöffnenden Lippenhalters oder einer fluoreszierenden Paste, der Laute s,sch,t usw. durch Nachsprechen, oralen Sensibilität/Stereognose durch das Ertasten und Beschreiben verschiedener Prüfkörper im Mund) und die Befundzusammenfassung. Die meisten Logopädinnen, die den BoS anwendeten, bewerten die Struktur der Befunderhebung als hilfreich, die Funktionsprüfung als vollständig, die Dokumentation als übersichtlich und den finanziellen Aufwand für das erforderliche Material als gering. Allerdings sind noch weitere Untersuchungen erforderlich, um die Testgütekriterien (Objektivität, Reliabilität und Validität) bei allen Funktionsbereichen des Berliner orofazialen Screenings zu überprüfen.

 

(Quelle: Dörte Pollex-Fischer und Prof. Dr. med. Saskia Rohrbach im Forum Logopädie S. 6-10 vom Juli 2017)

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