Die nachteiligen Auswirkungen einer Hörstörung auf die Entwicklung der „Theory of Mind“

Befunde zahlreicher Studien sagen, dass eine Hörschädigung Kinder in ihrer kognitiven (z.B. Wahrnehmung, Denken, Probleme lösen), (schrift-) sprachlichen und sozialen (Entwicklung von Verhalten und kommunikativen Fähigkeiten) sowie emotionalen (Gefühle bei sich und anderen erkennen und verstehen) Entwicklung beeinträchtigen kann. Aber welche negativen Folgen hat eine Hörschädigung auf die Ausbildung der „Theory of Mind“ ? Die „Theory of Mind“ beschreibt die Fähigkeit, sich selbst und anderen Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken zuzuschreiben, um damit Verhaltensweisen zu erklären oder vorherzusagen. Gedanken, Gefühle, Absichten und Überzeugungen bestimmen also unser Denken und Handeln (z.B. jemandem ein Geschenk suchen und überreichen). Durch Sprache wird dem Kind ein kommunikativer Austausch über Gedanken und Ansichten möglich. Die Entwicklung der „Theory of Mind (ToM)“ beginnt schon im Säuglingsalter. Säuglinge besitzen die Fähigkeit der „Joint Attention“ (die Aufmerksamkeit wird gemeinsam mit der Mutter auf z.B. einen Ball gerichtet und anschließend mit ihr über dieses Objekt kommuniziert). Später folgen etwa neun Monate alte Babys aufmerksam dem Blick einer Person auf ein Objekt, auch wenn sich diese Sache noch nicht im Blickfeld des Kindes befindet. Ab 1 Jahr können Kinder Gesten einsetzen, um so die Aufmerksamkeit einer Person auf eine bestimmte Sache zu lenken. Mit achtzehn Monaten sind die Kinder dann fähig, zwischen eigenen und fremden Wünschen, Interessen und Zielen zu unterscheiden. Hier beginnen sie auch mit dem Symbolspiel (sie erfinden Objekte, Personen und Handlungen, die sie von der Realität unterscheiden können). 2-jährige Kinder beginnen, mit emotionalen Begriffen (z.B.„Ich will“ oder „ich mag nicht“) ihre Wünsche zu äußern. Mit 3 Jahren gebrauchen Kinder kognitive Begriffe (wie denken, glauben, wissen), um ihre Gedanken anderen deutlich zu machen. Sie üben auch, zwischen dem eigenem Wissen und dem Wissen anderer Personen zu unterscheiden. Ab 4 Jahren können Kinder sich selbst und anderen Gedanken, Überzeugungen und Verhaltensweisen zuschreiben, die sie auch voneinander unterscheiden können. Sie bekommen ein Verständnis dafür, dass andere Menschen nach eigenen Überzeugungen heraus handeln, auch wenn dem Kind klar ist, dass diese Überzeugung falsch ist, also mit der Realität nicht übereinstimmt. Daten von Studien zeigten, dass Kinder, deren Mütter im Alltag häufiger mentale Verben nutzen und diese erklärten ( z.B. der Junge glaubte, dass der Apfel für ihn sei, sonst hätte er ihn nicht gegessen) in ToM“- Aufgaben besser abschnitten als jene Kinder, die ein reduziertes Angebot mentaler Verben erhielten. Andere Studien zeigten, dass gehörlose Kinder gehörloser Eltern (Vorsprung durch frühen Erwerb der Gebärdensprache von Geburt an) in „ToM“-Aufgaben besser abschneiden als gehörlose Kinder hörender Eltern (verzögerte Erstsprachentwicklung). Weitere Studien können bestätigen, dass Kinder mit hochgradiger Hörstörung eine verzögerte ToM-Entwicklung zeigen im Vergleich zu Kindern ohne eine derartige Hörstörung (Ketelaar 2012). Neben den sprachlichen Defiziten hindert ein eingeschränktes Verständnis über eigene und fremde Gedanken und Überzeugungen Kinder mit einer Hörstörung daran, mit anderen Personen situationsgemäß umzugehen und zu kommunizieren. Durch das Lesen geeigneter Bilderbücher mit dem anschließenden Erörtern mentaler Zustände der handelnden Personen oder durch eine logopädische Therapie (Wortschatzaufbau) kann die ToM-Entwicklung (Pragmatik) bei hörgeschädigten Kindern sehr gut gefördert werden. 

 

(Quelle: Dr. phil. Vanessa Hoffmann im Forum Logopädie S.28-32, Januar 2018)     

 

 

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