Motorische Imagination und autobiographische Erinnerungen in der Therapie zentraler Gesichtslähmungen

In Deutschland kommt es jährlich bei ca.196000 Menschen zu einem erstmaligen Schlaganfall. Eine Folge dieser Erkrankung kann eine ein- oder beidseitige Gesichtslähmung (Fazialisparese) sein. Bei einer Gesichtslähmung ist die Beweglichkeit der Gesichtsmuskulatur sehr beeinträchtigt, wodurch es zu Einschränkungen in der verbalen/nonverbalen Kommunikation (z.B. Aufforderungen äußern oder Gefühle ausdrücken) und Nahrungsaufnahme kommen kann. Auch wichtige Schutzfunktionen können herabgesetzt werden (z.B. eingeschränkter Lidschluss) und Spannungsverhältnisse der Muskulatur verändert sein. Schon in der Akut-Phase einer Gesichtslähmung können bei den Betroffenen Depressionen auftreten und von den PatientInnen mit chronischer Gesichtslähmung leidet gut ein Drittel unter Angst und Depressionen. Ziel einer Untersuchung war es, herauszufinden, inwieweit sich die Verwendung von vor der Schädigung gemachteErfahrungen (autobiographische Erinnerungen) und motorischer Imagination (MI: Bewusste Vorstellung einer Bewegung, ohne sie gleichzeitig auszuführen) als ergänzende Methode zur Standardtherapie PNF (sogenannte propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation) eignet. Es wurden also zwei Interventionsformen gegenübergestellt: Die Therapie in Anlehnung an PNF kombiniert mit MI - Motorischer Imagination und biographischem Stimulus im Vergleich zur Therapie in Anlehnung an PNF ohne MI. Behandelt wurden jeweils drei Erwachsene in der Akut-Phase nach einem Schlaganfall mit zentraler Gesichtslähmung links und erworbener Sprechstörung. Im Focus der Untersuchung stand die Veränderung des Schweregrads der Gesichtslähmung und der krankheitsbezogenen Lebensqualität. Die PNF-Methode wurde in drei Schritten eingesetzt:

1. Mimische Muskeln der betroffenen Seite werden mit Eis stimuliert (entgegen der Zielrichtung) und mit einem Tuch getupft.

2. Danach erfolgt beidseits eine Streckung entgegen der Zielrichtung.

3. Anschließend fordert die Logopädin zur Bewegung mit einem sprachlichen Anreiz auf. Während der Patient die Bewegung ausführt, gibt die Therapeutin einen angepassten Widerstand als taktilen (Tastsinn) Anreiz.

Die Schritte 2 und 3 wurden je Therapieeinheit acht Mal wiederholt. Während der zehn Sitzungen wurden sieben Muskelregionen im Gesicht trainiert. Zeigte sich eine Muskelpartie zu Beginn oder im Verlauf der Behandlung ohne Funktionseinschränkung, wurde die Behandlung an dieser Stelle beendet.

 

Systematische autobiographische Erinnerungen

Im Fall der Therapie in Anlehnung an PNF kombiniert mit MI wurde nach der Behandlung in Anlehnung an die PNF-Methode zusätzlich ein geistiges Training eingesetzt:

A. Schon am Anfang der ersten Sitzung wurden (vor der Schädigung gemachte) Erfahrungen in Form von autobiographischen Erinnerungen systematisch für alle ausgewählten Muskelregionen mit dem Probanden durch Gespräche erarbeitet (z.B.: Ich ärgerte mich beim Öffnen eines Geschäftsbriefes – Stirne runzeln). Vor jeder weiteren der insgesamt zehn Therapiesitzungen wurden diese noch einmal wiederholt.

B. Forderte die Logopädin innerhalb der Behandlung in Anlehnung an die PNF-Methode im Punkt 3 zur Bewegung auf, wurde gleichzeitig an die (vor der Schädigung gemachte) Erfahrung erinnert.

Ergebnisse: Der Schweregrad der Gesichtslähmung verbesserte sich bei den Probanden ohne MI (Arbeit mit motorischer Imagination und autobiographischen Erinnerungen) mehr als bei den Probanden mit MI. Aber bezüglich der krankheitsbezogenen Lebensqualität sowie der körperlichen und sozialen Beeinträchtigung gab es bei den Probanden mit MI stärkere Verbesserungen in den Einzelfällen als bei den Probanden ohne MI. In der klinisch-therapeutischen Praxis kann die MI (Arbeit mit motorischer Imagination und autobiographischen Erinnerungen) in Kombination mit anderen Verfahren bei Patienten mit Gesichtslähmung zur Verbesserung ihrer krankheitsbezogenen Lebensqualität also gut angewendet werden.

 

(Quelle: Anna-Maria Kuttenreich, Prof. Dr. phil. Wiebke Scharff Rethfeldt, Prof. Dr. Harry von Piekartz, S. 6-13 im Forum Logopädie September 2018)

 

 

 

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