Warum Methoden der unterstuetzten Kommunikation auch bei Aphasie-Patienten sinnvoll sind

Gesunde Menschen können frei wählen, ob sie über Mimik, Gestik, Sprechen oder Schreiben kommunizieren wollen. Bei Menschen mit Aphasie können aber eine oder mehrere dieser Kommunikationsformen stark beeinträchtigt sein. Diese „Sprachlosigkeit“ und die dadurch veränderte Kommunikation zwischen dem Betroffenen und seinen Angehörigen haben Auswirkungen auf Teilhabe und Lebensqualität,da die Betroffenen aufgrund ihrer Erkrankung weniger in kommunikative Situationen gehen und Inhalte nicht so mitteilen können, wie sie es eigentlich wollten. Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Gegenüber ihre Signale richtig erkennen und auslegen kann. Holland und Audrey fanden heraus, welche Faktoren sich positiv auf den Umgang mit einer Aphasie auswirken können:

- Persönlichkeit vor dem Schlaganfall (optimistisch, lebensfroh)

- Allgemeine Gesundheit

- Selbstständigkeit (Grad der Unterstützung)

- Zeit nach Beginn des Schlaganfalls

 Fraas und Calver (2009) stellten fest, welche persönlichen Faktoren ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben nach Schlaganfall unterstützen:

- starkes soziales Netzwerk

- Akzeptanz und Verständnis eines „neuen Selbst“

- Trauer- und Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Emotionen

- Teilhabe an Aktivitäten, die Freude/ Erfüllung bringen, der Allgemeinheit dienen und somit das eigene Selbstbewusstsein stärken.

Gerade weil die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Einfluss auf die Umwelt wichtige Voraussetzungen für Zufriedenheit sind, müssen Interaktion und Kommunikation gleich von Anfang an in der Therapie und Zuhause gefördert werden. Um dem Betroffenen Teilhabe am täglichen Leben zu ermöglichen, sollten alle Kommunikationsmöglichkeiten (Blicke, Mimik, Gestik, Laute, Lautsprache, Körperhaltung, Körperbewegung, Gebärden, elektronische/nicht elektronische Hilfen, Schriftsprache) in Erwägung gezogen werden. Hux et al. haben 2001 beschrieben, das Unterstützende Kommunikationshilfen wie der multimodale Einsatz von Buchstabentafeln, Auswahl an geschriebenen Wörtern/Nachrichten, Gesten, Mimik, Zeichen, Bilder, Symbole und Fotos Menschen mit schwerer Aphasie sehr helfen können. Da Hilfsmittel zur unterstützten Kommunikation aber nur für bestimmte Gruppen (z.B. Kinder, die nicht in die Lautsprache kommen können oder Patienten mit Dysarthrie bei ALS) entwickelt wurden und bei Aphasie-Patienten meistens die sogenannte sprach-systematische Therapie (orientiert sich an Symptomen und soll in erster Linie auditives Verständnis und Sprachproduktion fördern) angewendet wurde, wurde die Unterstützte Kommunikation bisher nur als das allerletzte Mittel der Wahl betrachtet.

Doch Methoden und Hilfsmittel der Unterstützten Kommunikation bieten Patienten mit einer Aphasie viele Vorteile:

- Es werden alle Modalitäten ( z.B. Sprechen, Verstehen, Lesen, Schreiben) angesprochen

- Sprachhandlungen/Gespräche können leichter angeregt werden

- Verbesserung der Aufmerksamkeitsspanne

- UK unterstützt die symptomorientierte Förderung und hilft somit beim Wiederaufbau von Sprachkompetenzen

- UK kann ebenfalls als Kompensation eingesetzt werden, indem sie die Lautsprache unterstützt oder ersetzt und somit eine erfolgreiche Kommunikation im Alltag möglich macht (Verständnis sichern, Äußerungen von „Ja“/ „Nein“ oder „Halt“, Themen eingrenzen).

Ziele der Diagnostik: Erfassung der Dialogmöglichkeiten des Patienten in den Bereichen Aktivität und Teilhabe (Erhebung von Tagesablauf, Interessen, Aktivitäten, Kommunikationspartnern und Kommunikationsgründen), Feststellung der sprachlichen Fähigkeiten (Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben), Zielbestimmung (gemeinsam mit dem Patienten oder den Angehörigen), Wahl geeigneter Methoden/Materialien zur Stärkung der Kommunikation

Aktivitätenorientierte Therapie: Nach der Untersuchung und Zielbestimmung erfolgt die Zielerarbeitung im therapeutischen Setting. Die zuvor ausgewählten Aktivitäten bestimmen die gemeinsamen Themen. Gemeinsam mit dem Patienten wird das Thema für die Therapiestunde ausgewählt (Soll am Thema der letzten Stunde weitergearbeitet werden oder gibt es jetzt ein sehr aktuelles Thema?). Anhand eines Szenenbildes (aus dem Internet oder selbst aufgenommen) zu einem bestimmten Thema (z.B. Einkaufen) überlegen Therapeutin und Patient gemeinsam welches Vokabular, welche Sätze und Floskeln für die jeweilige Situation typisch sind. Alle Möglichkeiten (z.B. Wortkarten, Gesten, Symbole, Einsatz elektronischer Hilfsmittel) werden in Betracht gezogen, damit die Kommunikation bei einer bestimmten Aktivität bestmöglich unterstützt werden kann. Danach werden Rollenspiele durchgeführt, in denen der Patient seine erworbenen Fähigkeiten erneut abrufen kann.

Transfer: Die Therapeutin sollte die erarbeiteten Materialien mit nach Hause geben, Patient und Angehörige in der häuslichen Umsetzung anleiten und Ideen einbringen. Im Laufe der Therapie können eingesetzte Materialien und Hilfestellungen nach und nach abgebaut und Ziele verändert/angepasst werden.

Die Unterstützte Kommunikation (UK) kann Aphasie-Patienten gut bei der Befähigung im Alltag helfen und ihre Teilhabe am täglichen Leben sehr erleichtern.

 

(Sabrina Beer, S. 6-11 im Forum Logopädie vom Juli 2019)

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